Artikel im Hamburger Abendblatt: Parkinson-Erkrankung: Kickboxen gegen Schüttellähmung
Von Andreas Hardt
14.05.2022, 10:22 Uhr
Parkinson-Erkrankte trainieren Kickboxen in der Martial Arts
Factory in Seevetal Foto: Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services© Unbekannt |
Marcelo Hernandez / FUNKE Foto Services
So richtig nett ist es hier nicht. Graues Industriegelände,
Werk- und Lagerhallen, Beton, die Autobahn dröhnt im Hintergrund. Seevetal hat
sicher schönere Ecken als dieses Gewerbegebiet. Mal schauen, irgendwo hier muss
sie sein, die Martial Arts Factory. „Fabrik“ – passt schon. Dann macht man die
Tür auf von einem dieser grau-gräulichen Funktionsgebäude. Und steht mitten in
einem Hort der Energie und Lebensfreude. Wow!
„Setz die Hüfte schön ein! Gut so!“, fordert und lobt der
Trainer. Hitmusik schallt aus Lautsprechern. Die Sportler üben und bewegen sich
und versuchen und sind erfolgreich. Werden motiviert, lachen, helfen sich und
flachsen. Wir sind beim Kickboxen, die Aktiven sind zwischen 55 und 75 Jahre
alt. Und sie sind an Parkinson erkrankt. Ja, und? „Sie machen alle toll mit“,
sagt Trainer Gunnar Striezel (50), „ich hätte nicht gedacht, dass sie so
motiviert sind.“
Sport ist gut für Körper und Geist
Beate Schönwald (48) – Kampfmontur, grüner Gürtel – ist
mittendrin statt nur dabei. Sie leitet auch an, unterstützt. Die
energiegeladene Frau hatte die Idee zu diesem Projekt, zu dieser Gruppe. Ein
zehnwöchiger Kurs, ein Auftakt, dem weitere regelmäßig folgen sollen. Die
engagierte Parkinson-Nurse arbeitet unter der Leitung von Prof. Buhmann in der
Parkinson-Tagesklinik des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, viele der
Sportler hier kennt sie schon lange.
Dass Aktivität und sportliche Bewegung für Körper und Geist
ein gute Sache ist, das gilt auch für Menschen mit dieser chronischen und
unheilbaren Erkrankung. Für Menschen mit Morbus Parkinson ist ein aktiver
Lebensstil besonders wichtig, um die Begleiterscheinungen der Krankheit –
häufig Gleichgewichtsstörungen, Stürze oder auch Depressionen – zu lindern.
Also machen sie Sport. „Wir wissen, dass die nicht medikamentöse Therapie ein
wichtiger Bestandteil in der Parkinson-Behandlung ist“, sagt Beate Schönwald,
selbst begeisterte Kickboxerin, in der aktuellen Ausgabe des Podcasts „Von
Mensch zu Mensch“.
Kickboxen gegen Parkinson. Parkinson-Nurse Beate Schönwald
und Trainer Gunnar Strietzel.© Unbekannt | Marcelo Hernandez / FUNKE Foto
Services
Dass diese Kampfsportart für Parkinsonpatienten geeignet
sein soll, wirkt zunächst seltsam. Auch vor dem Hintergrund, dass der große
Boxweltmeister Muhammad Ali sehr wahrscheinlich durch die zu vielen Schläge an
seinen Kopf erkrankte. Aber keine Sorge, es gibt natürlich Kopfschutz – „und
wir schlagen auch nie zum Kopf“.
Die Bewegungen aktivieren den ganzen Menschen
Dennoch: „Am Anfang war es für mich komisch, bei den anderen
auch nur auf die Handpratzen zu hauen“, erzählt Monika Wahlberg (72), „aber ich
weiß ja inzwischen, es tut dem anderen nicht wirklich weh.“ Stattdessen
aktivieren die spezifischen Bewegungen mit Beinen, Händen, Körper den ganzen
Menschen. „Mir gefällt der ganzheitliche Ansatz, Gleichgewicht, Koordination,
Kraft und Schnelligkeit werden trainiert“, sagt Carsten Köpcke (61), der früher
einmal Marathon gelaufen ist.
Bei „Morbus Parkinson“ sterben Nervenzellen im Kleinhirn ab,
die Dopamin herstellen. Dieser Dopaminmangel kann zum typischen Zittern,
Bewegungseinschränkungen, Muskelkrämpfen führen und auch die psychische
Befindlichkeit negativ beeinflussen. „Hier kann ich mich auspowern, der Körper
wird gefordert, ich merke, wie gut mir das tut“, sagt Monika Wahlberg. Carsten
Köpcke berichtet, dass „meine Stimmung besser wird und ich nach dem Sport zwei
Tage volle Beweglichkeit habe.“ Für Heidi Sartor (63) ist nicht nur der
körperliche, sondern auch der soziale Faktor sehr wichtig. „Wir haben alle die
gleiche Krankheit, aber die Krankheit gleicht sich nie“, sagt sie. „Es ist
toll, sich über die Erfahrungen auszutauschen. Und ja: Ich traue mir insgesamt
mehr zu.“
Um den positiven Einfluss vom Kickboxen wissenschaftlich
genau zu untersuchen, startet im Frühsommer am UKE nun ein von der
Hilde-Ulrichs-Stiftung unterstütztes Forschungsprojekt. „In den USA wird
Kickboxen für Menschen mit Parkinson bereits in vielen Fitness- und
Reha-Einrichtungen angeboten“, weiß die ausgebildete Krankenschwester Beate
Schönwald, „die wissenschaftliche Evaluation dieser Programme erfolgte jedoch
noch nicht im zufriedenstellenden Umfang.“
Wissenschaftliche Studie zum Effekt des Kickboxens
Das soll sich ändern. Die Teilnehmer an der Studie werden in
drei Gruppen von jeweils acht Teilnehmenden eingeteilt, je nach Alter und
Fortschreiten ihrer Erkrankung. „Dynamik und Schwere der Übungen werden an die
Leistungsfähigkeit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen angepasst“, sagt Beate
Schönwald.
Analog dazu wird eine Kontrollgruppe gebildet aus Patienten
der Tagesklinik, die nicht am Kickboxtraining teilnehmen. Nach Abschluss des
Aufenthalts in der Tagesklinik werden die Patienten ermuntert, das Training
fortzuführen. Nach drei Monaten wird überprüft, ob ein eventueller
Trainingseffekt der Therapie anhält, und ob sich ein Unterschied hinsichtlich
der motorischen und nicht motorischen Symptome zwischen Patienten, die
trainiert haben und denen, die nicht trainiert haben, erkennen lässt.
Auch für den Trainer ist die Arbeit mit Parkinsonkranken
Neuland
In der Halle in Seevetal arbeiten sich die Sportler und
Sportlerinnen jetzt an den sieben Boxsäcken ab, die von der Decke hängen. Acht
Frauen und sechs Männer sind am Start. Coach Gunnar achtet auf die richtige,
dynamische Körperhaltung: „Faust unter das Kinn.“ Zwei Minuten sollen sie
durchhalten, „Gut, klasse, komm, weiter, das schaffst du!“ „Für mich war diese
Gruppe auch absolutes Neuland“, sagt der Eigentümer der Martial Arts Factory,
„ich bin wirklich beeindruckt, was sie leisten.“
Am Ende der Stunde zum Abschluss des Zehn-Wochen-Kurses holt
sich der Trainer die Sportler zusammen in einen Kreis. Verabschieden,
verbeugen, Respekt ausdrücken. „Hut ab, ihr habt das super gemacht, das war
echt klasse“, lobt Gunnar Strietzel. Dann gibt es Applaus – füreinander, aber
auch für den Trainer, „ich hoffe, wir sehen uns zum nächsten Kurs wieder.“ Da
darf er ziemlich sicher sein
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