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Kickboxen als Therapie "Die Diagnose Parkinson war nicht das Ende – sondern ein Neuanfang"
• von Constanze Löffler aufgezeichnet
• 11. April 2025
• 16:20 Uhr
• 4 Min
Carsten Köpcke hat Parkinson – und ist Kickboxer. Das ist kein Widerspruch: Der Sport hilft ihm, Symptome der Krankheit und Nebenwirkungen der Medikamente zu lindern.
Carsten Köpcke, 65, aus Winsen an der Luhe vor den Toren Hamburgs, erkrankte vor acht Jahren an Parkinson – dann fand er zum Kickboxen und sagt heute von sich: "Insgesamt bin ich kräftiger, beweglicher und koordinierter geworden"
© Martial Arts Factory Seevetal
Vor acht Jahren, 2017, änderte sich mein Leben grundlegend. Es fing ganz harmlos an, mit einem leichten Zittern in der linken Hand. Dann konnten meine Finger keine Faust mehr bilden, und beim Joggen – ich war früher leidenschaftlicher Läufer – fiel mir eine seltsame Steifheit meines Arms auf. Damals dachte ich noch, es könne am Stress liegen. Ich hatte schließlich über 100 Überstunden in nur einem halben Jahr angehäuft. Aber irgendwann spürte ich, dass mehr dahintersteckte.
Ich ging erst zum Hausarzt, dann zum Neurologen. Der hielt mir ein Röhrchen unter die Nase und fragte mich, ob ich etwas rieche. Etwa 95 Prozent aller Parkinson-Erkrankten verlieren ihren Geruchssinn. Doch ich erkannte den Vanillegeruch. Das verunsicherte den Arzt, denn meine körperlichen Beschwerden sprachen für "Schüttellähmung", wie die Erkrankung im Volksmund heißt. Also schickte er mich in die Parkinson-Tagesklinik des Universitätsklinikums Eppendorf.
Dort stellte man eindeutig fest: Ich habe Parkinson.
Die Diagnose war für mich zunächst ein Schock, doch ich beschloss schnell, offen damit umzugehen. Meine Devise war: "Parkinson zu haben, ist nicht schön, aber man stirbt nicht daran. Im Gegenteil: Ich kann sogar aktiv etwas dagegen tun."
Vom Läufer zum Kickboxer
Meine erste Begegnung mit Kickboxen kam eher zufällig zustande: In der Tagesklinik fragte man mich, ob ich Lust hätte, Kickboxen auszuprobieren. Die Idee dazu hatte Beate Schönwald, die Parkinson-Nurse am UKE. Sie ist selbst Kickboxerin und hatte gehört, dass Boxen und Kickboxen zum Beispiel in den USA schon eine Weile erfolgreich gegen Parkinson eingesetzt werden. Kurzerhand hatte sie eine Trainingsgruppe gegründet. Für mich klang das zunächst absurd – Kickboxen mit Parkinson und dann noch in meinem Alter? Doch schon nach dem ersten Schnuppern Anfang 2022, mit einem Muskelkater als Andenken, wusste ich: "Das ist mein Sport."
Seitdem ist Kickboxen für mich nicht nur ein Hobby, sondern Teil meiner Therapie. Viele stellen sich unter Kickboxen brutale Kämpfe vor, aber in unserem Training geht es nicht darum, jemandem "auf die Rübe zu hauen". Es geht um Koordination, Gleichgewicht und Konzentration, um Kraft und Ausdauer – genau die Dinge, die uns Parkinson-Kranken drohen verloren zu gehen.
Beim Aufwärmen balancieren wir beispielsweise über Leitern auf dem Boden, um die Koordination und die Körperwahrnehmung zu schulen. Wir arbeiten mit Reaktionsübungen, Kombinationen aus Arm- und Beinbewegungen und verbessern dadurch auch unsere mentale Fitness. Das Stehen auf einem Bein beim Kicken trainiert das Gleichgewicht und unterscheidet das Kickboxen vom normalen Boxen. Das Training ist anspruchsvoll und anstrengend, aber auch unglaublich befriedigend.
Eine meiner Lieblingsübungen: Ein kleiner Punchingball, der an einem Gummiband zwischen Boden und Decke hängt. Meine persönliche Herausforderung dabei ist, nicht auf den Ball, sondern zur Decke zu schauen und dennoch präzise zu treffen. Auge-Hand-Koordination in Reinform – und eine perfekte Übung fürs Gehirn.
Vom Wackeln auf der Leiter zu souveränen Kicks
Früher hatte ich oft Probleme mit dem Gleichgewicht. Heute fühle ich mich durch das regelmäßige Training sicherer denn je. Erst vor Kurzem stand ich wieder auf der Leiter vor unserem Balkon und habe Außenarbeiten erledigt – etwas, was ich mir vor wenigen Jahren nie zugetraut hätte. Insgesamt bin ich kräftiger, beweglicher und koordinierter geworden.
Carsten Köpcke beim Training: "Meine Botschaft an alle, die mit Parkinson leben, ist klar: Aktiv sein lohnt sich"
© Martial Arts Factory Seevetal
Vor 2022 habe ich vielleicht sechs oder sieben Liegestütze geschafft, heute sind es über zwanzig. Beim Unterarmstütz halte ich locker zwei Minuten durch.
Neben dem Kickboxen bin ich ein leidenschaftlicher Tischtennisspieler. Meine Frau und ich klappen regelmäßig die Platte in der Garage aus und spielen gegeneinander. Auch das ist eine hervorragende Übung für Körper und Geist. Außerdem gehe ich morgens schwimmen – 1000 Meter sind Pflicht. Mein Neurologe ist begeistert: "Sie sind der einzige Patient, den ich kenne, der so viel Sport treibt."
Parkinson-Medikamente allein reichen nicht
Natürlich nehme ich auch Medikamente. Sie sorgen dafür, dass ich heute fast beschwerdefrei bin: kein sichtbares Zittern, kaum Steifheit. Klar, diese Medikamente haben Nebenwirkungen: Schlafstörungen, Probleme mit der Blasenkontrolle und andere unangenehme Dinge. Doch ich bin überzeugt, dass das Training diese Nebenwirkungen erträglicher macht.
Ich beschäftige mich intensiv mit Parkinson, kenne aktuelle Studien und Erfahrungsberichte. Mein Fazit ist klar: Wer sich bewegt, verlangsamt den Krankheitsverlauf, gewinnt Kraft, Koordination und Selbstvertrauen. Wenn ich mich mit anderen Betroffenen vergleiche, die weniger aktiv sind, stelle ich immer wieder fest: Aktivität macht den Unterschied. Bewegung ist das A und O, um Parkinson im Zaum zu halten.
Die Kombination aus Medikamenten und aktivem Sport ist für mich der Schlüssel. Ich bin überzeugt: Nur das eine oder das andere würden mir nicht die Lebensqualität geben, die ich heute habe.
Kürzlich traf ich eine alte Bekannte nach langer Zeit wieder. Sie schaute mich an und meinte überrascht: "Man sieht dir absolut nichts an!" Das sind die Momente, die mich weiter antreiben.
Lebensfreude durch Bewegung
Meine Botschaft an alle, die mit Parkinson leben, ist klar: Aktiv sein lohnt sich. Es muss nicht gleich Kickboxen sein – auch wenn ich das jeder und jedem nur empfehlen kann. Wichtig ist, dass man Spaß hat. Sei es beim Tanzen, Schwimmen oder einem flotten Spaziergang. Jeder Schritt, jede Bewegung zählt.
Für mich hat sich gezeigt: Sport macht vieles möglich, was durch die Krankheit zunächst unmöglich erscheint. Parkinson war für mich kein Endpunkt, sondern ist ein Neuanfang. Und wenn ich das schaffe, dann schaffen es andere auch.
Was ist Morbus Parkinson?
Jedes Jahr erkranken hierzulande etwa 20.000 Menschen neu an Parkinson. Insgesamt sind in Deutschland schätzungsweise 300.000 bis 400.000 Menschen betroffen. Die Zahl steigt, weil wir immer älter werden. Bis heute ist die nach ihrem Entdecker James Parkinson benannte Nervenkrankheit nicht heilbar. Auslöser für die Beschwerden ist ein Mangel an Dopamin. Der Nervenbotenstoff ist zusammen mit anderen Signalmolekülen an der Steuerung von Bewegungen beteiligt. Fehlt er, verlieren die Erkrankten die Kontrolle über ihre Glieder.
Frühe Symptome betreffen nicht die Motorik und sind zunächst keiner Erkrankung eindeutig zuzuordnen. So leiden die Betroffenen unter
• einem nachlassenden Geruchssinn
• Schlafproblemen
• Verdauungsstörungen
• depressiven Verstimmungen und Stimmungsschwankungen.
Diese Beschwerden werden oft mit dem Alter in Zusammenhang gebracht, mit anderen gesundheitlichen Problemen, vielleicht sogar einer Demenz – aber eben nicht mit Parkinson. Dadurch wird die Diagnose verzögert.
Die Entwicklung wirksamer Therapien hat vor allem ein Problem: Parkinson macht sich erst spät bemerkbar. Das typische Zittern der Hände, die steifen Muskeln und die Schwierigkeiten beim Gehen treten erst dann auf, wenn bereits ein Großteil der Nervenzellen in einer bestimmten Hirnregion, der Substanz nigra, abgestorben ist. Dieser Prozess ist nicht mehr umkehrbar.
Kickboxen mit Parkinson: Hier finden Sie Angebote vor Ort
Schleswig-Holstein
Kung Fu Schule Elmshorn
Frank Germann
Tel.: 04121 / 787106
E-Mail: info@kung-fu-schule.de
Internet: https://www.kung-fu-schule.de/
Hamburg
Feuersports Hamburg in Hamburg-Barmbek Nord (auf Anfrage)
Frank Feuer
Tel.: +49 173 59 66 86 6
email: info@feuer-sports.de
Internet: http://feuer-sports.de/
Lucky-Punch in Hamburg-Ottensen (auf Anfrage)
Dr. Anika Geisler
Tel.: 0171 - 489 1514
E-Mail: luckypunch-ottensen@gmx.de
Internet: https://www.luckypunch-ottensen.de/
(Transparenzhinweis: Die Trainerin ist Mitarbeiterin des stern)
Training mit Dilar Kisikyol in Hamburg-Alsterdorf
Boxtraining für Frauen mit Parkinson mit der Weltmeisterin
Boxsporthalle des Hamburger Boxverbandes HABV
Mittwochs 12 - 13 Uhr
Kontakt: https://dilarkisikyol.de/kontakt/
Niedersachsen
Kickboxgruppe "Kick-Parkinson"
by Martial Arts Factory Seevetal
Gunnar Strietzel
Telefon: +49 4105 407005
E-Mail: info@maf.training
Internet: https://maf.training/
THE BOX GYM in Wendeburg/Braunschweig
Patrick Rokohl
E-Mail: studio@theboxgym.de
Internet: https://theboxgym.de/
Nordrhein-Westfalen
"Punch Parkinson" in Köln
Boxtraining mit Weltmeisterin Nadine Apetz
Kontakt: https://www.ssbk.de/projekte/punch-parkinson
Rock Steady Boxing Cologne in Köln
Derek Winkler
Boxen für Menschen mit Parkinson
Tel.: 0221 - 204 626 33, Mobil: 0179 - 5231591
E-Mail: info@parkinson-training.org
Internet: www.parkinson-training.org
Red-Tiger-Club e. V. in Haan
Kickbox-Fitness für Menschen mit und ohne Parkinson
Mobil: 0163 764 7444
E-Mail: haan@red-tiger-club.de
Internet: https://red-tiger-club.de/
Baden-Württemberg
Interaktiv Freiburg
Joel Rudigier
Therapeutisches Boxen für Menschen mit Parkinson
Tel.: 0761 1378776
E-Mail: mail@interaktiv-freiburg.de
Internet: https://www.interaktiv-freiburg.de/
Baden-Health in Baden-Baden
André Inthorn & Marc Hohmann
Tel.: 0171-111 02 70
E-Mail: office@baden-health.de
Internet: https://www.baden-health.de/
Bei weiterem Interesse wenden an:
Beate Schönwald
Parkinson-Nurse
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
E-Mail: b.schoenwald@uke.de
• Parkinson
• Sport
• Neurologe
• UKE
Ein Brief an... ... meine Parkinson-Erkrankung
© G+J Medien GmbH


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